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Der Süden Tunesiens: Begegnung mit der Wüste
Der Süden Tunesiens: Begegnung mit der Wüste
Emmanuelle Jary - 17-05-2013
Von Tozeur über Douz, dem Tor zur Sahara, bis Tataouine bietet Südtunesien eine Reihe außerordentlicher Landschaften und Sehenswürdigkeiten, darunter die Ksour und das Chott-el-Jerid. Lassen Sie sich im Sattel eines Dromedars in eine fremde Welt entführen. Erste Etappe: die Bergoasen, wo die Datteln auf Sie warten.
Die Wüstenstädte und ihre Oasen
Heißer Sand und üppiges Grün, das ist Südtunesien. Wenn die Sonne allabendlich der blauen Nacht weicht, ertönt der Gesang des Muezzin über den Dächern der entlegenen Städte. In den engen Gassen der Medina von Nefta oder Tozeur reihen sich die ornamentverzierten Fassaden der Lehmziegelhäuser aneinander. Ein magischer Zauber liegt über diesen Städten, die man durchstreift, ohne dass man wirklich den Wunsch hätte, ihr Geheimnis zu lüften. Maschrabiyya, verwinkelte Eingänge, Fenster, durch die man auf Höfe aber nie in die Häuser blickt ... All diese architektonischen Kunstgriffe scheinen der Wahrung der Privatsphäre zu dienen. Man schottet sich ab von fremden Blicken, aber auch von der Wüste und deren unendlicher Weite, als sei es gerade hier besonders wichtig, sich ab und zu auf sich selbst zu besinnen.
In den tiefen Oasen streicheln vom Laub der Dattelpalmen gefilterte Lichtstrahlen den kühlen, feuchten Boden. Hier und da bilden sich Nebelfetzen und umhüllen sanft die Stämme der zahlreichen Obstbäume, darunter Orangen, Zitronen, Feigen und natürlich Granatäpfel. Letztere bergen kleine rote Tropfen eines köstlichen Saftes, der allen Durst des Sommers zu löschen vermag. Wir befinden uns mitten in einer Fata Morgana. In einer Zauberwelt inmitten einer steinigen Wüste. Im Gänsemarsch brechen die Männer zu den Palmenhainen auf, um die Fruchtstände mit ihren herbsüßen Datteln zu ernten. Auf einem vor sich hin schwelenden Feuer wird eine verbeulte kleine Teekanne warm gehalten. Den süßen, mentholhaltigen Trunk genießt man in der Pause in kleinen Schlucken. Er wirkt wie ein aufmunterndes Schulterklopfen nach der Anstrengung. Die Männer der Oase geizen nicht mit ihrem Tee und werden Ihnen gerne etwas davon anbieten, so wie sie Ihnen auch spontan einen Zweig mit Datteln reichen. In dieser Welt des Sandes gleicht die Gastfreundschaft einem blühenden Garten. Eine fremde Welt, die mit Zeit und Herz erobert werden will.
Durch die Wüste: von Tozeur nach Tataouine
Kaum hat man Tozeur in Richtung Tataouine verlassen, durchquert die schnurgerade Straße eine unberührte, 5.000 km2 große Ebene. Das Chott-el-Jerid ist der größte Salzsee Tunesiens und selbst eine Wüste für sich. Vorsichtig setzt man einen Fuß vor den anderen, allerdings ohne das Gefühl, sich von der Stelle zu bewegen. Die Mischung aus Sand und Salz, die unter den Schuhen knirscht, hört und fühlt sich unendlich fremd an. Wo sind wir? Wohin gehen wir? Die Wüste beherrscht das Denken, die Erinnerung ist besiegt. Dem verstörten Besucher bleibt nichts anderes übrig, als sich treiben zu lassen, zu staunen, die Zeit zu vergessen und den Augenblick voll auszukosten. Und schon setzt sich der Wagen wieder in Bewegung und die Reise geht weiter, bis nach Tataouine, ins Land der Ksour und der historischen Speicherburgen.
Der Ksar Ouled Soltane, noch heute im Besitz des mächtigen, gleichnamigen Stammes, überragt seit dem 15. Jh. die Sahara. In den Ksour lagerte man Datteln, Olivenöl, getrocknete Feigen, Gerste, Schafwolle … aber das allein erklärt noch nicht, warum man ihnen so wunderschöne Formen gab. hat. Die Antwort ist in der Umgebung zu finden. Sie sind das Echo der Wüste. Die weichen, sinnlichen Formen der Gebäude scheinen mit den sanft fließenden Dünen wetteifern zu wollen.
Wir nähern uns Douz von Süden her, durch Landschaften, die, wie wir immer mehr feststellen konnten, nur auf das ungeübte Auge einförmig wirken. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich mit dieser schier unendlichen Weite vertraut macht, die wir „Wüste“ nennen und für unveränderlich halten, während sie doch ebenso einheitlich wie heterogen ist. Douz, das Tor zur Sahara, besitzt die Farben und den Reichtum der zwei Welten, die hier aufeinander treffen. Schmuckhändler, Gerber und Kunstschmiede sehen Kamele und Esel vorbeiziehen, die noch den Wüstensand im Fell tragen. Im Souk bieten die Händler auf prachtvoll bestückten Ständen nicht nur Obst und Gemüse der Oase feil, sondern auch farbenfrohe Gewürze aus einer Fremde, in die sich die Fantasie kaum vorzuwagen getraut. Doch Douz hat Grenzen und diese werden von der Wüste eifersüchtig bewacht. Urplötzlich endet die asphaltierte Straße, als sei nun die Zeit gekommen, sich abzunabeln. Und die Landschaft wird erneut zur Wildnis.
Vor uns ein Ozean aus Sand, vom Wüstenwind hier und da zu Wellen gefaltet. In der Tiefe der Nacht erwartet uns ein Geschichtenerzähler mit seinen tausendjährigen Legenden am flackernden Lagerfeuer. Epische Geschichten von Karawanen aus dem fernen Libyen, von den Begründern der großen Berberdynastien, von Prinzessinnen, überhäuft mit Gold, von Gewürzen und Salz … Eine Märchenwelt, die der geflügelten Vorstellungskraft des Erzählers sicher mehr schuldet als der Realität. Doch was ist Wahrheit, wenn auch die Fantasie Vergangenheit hervorbringt? Später dann, als wir uns im Schutze des Zeltes zur Ruhe legen, gleitet noch lange die Stimme des Mannes durch die aufmerksame Nacht.
Am Morgen schiebt sich die bleiche Sonne langsam die Dünen hinauf. Bis sie oben angekommen ist, vergehen Stunden. Die Dämmerung ist kühl, und heißer Tee und Brot, das frisch aus dem Sand kommt, helfen uns beim Munterwerden. Ein paar Sandkörner liegen auf der dicken Kruste. Der Sand ist hier kein Feind. Er ist Teil des Lebens. Die Männer, so heißt es, kosten ihn, um sich in der Wüste zu orientieren. Wir verlassen die Kameltreiber und nehmen im Jeep die wilde Dünenlandschaft in Angriff. An manchen Stellen hat der Wind die Dünen so kahl gefegt, dass sie ihr Herz aus gehärtetem Sand offenbaren. Sie bilden ein Labyrinth aus kleinen, in ihrer Blöße ebenso gravitätisch wie fragil anmutenden Hügeln. Das Herz der Dünen kann besichtigt werden und wir lassen uns in einem kleinen, improvisierten Café dort nieder. Männer unterhalten sich, ohne der Zeit auch nur die geringste Bedeutung beizumessen, so als sei Wüste gleichbedeutend mit Ewigkeit.
Südtunesische Küche
Jede Oase besitzt ihre eigene Obst- und Gemüseproduktion. Und jede Wüstenstadt besitzt ihr eigenes Cosucous. Couscous mit Terfès bzw. Wüstentrüffeln, Couscous mit Morchane, d.h. mit Blattgrün von Speiserüben, Couscous mit Farkous, einem Kürbisgewächs, dessen grüne Frucht ein gelbes Fleisch aufweist und das nur im Palmenhain von Gafsa wächst. Die einheimischen Familien geben sich die Samen von Generation zu Generation weiter. Überhaupt scheint Gafsa, verglichen zu anderen Städten der Sahara, sehr viele kulinarische Spezialitäten zu haben, was sich vielleicht durch die Größer seiner Oase erklärt. Im Restaurant kann man Barkoukch kosten, eine Fleischsuppe mit Lamm, Kalb, Huhn, getrocknetem Fisch, Gazelle und Kaninchen, es sei denn man zieht Lammschulter-Confit vor, oder Mtabga, eine mit Fleisch gefüllte und mit Minze gewürzte Teigtasche. Rohkost und Salat sind fester Bestandteil der Mahlzeit, genau wie Pfefferminztee. Gängige leckere Speisen sind auch Brick mit Ei, Kefta (Fleischbällchen), tunesischer Salat und Mrissa (Salat aus pürierten Tomaten). Innerhalb der Saison bilden mit Orangenblütenwasser beträufelte Granatäpfel den leichten Abschluss der Mahlzeit, zusammen mit einem Pfefferminztee mit Pinienkernen oder gerösteten Mandeln.

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