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Krakau-Kazimierz: Judenstadt und Szeneviertel

Krakau-Kazimierz: Judenstadt und Szeneviertel

Éric Boucher - 16-06-2008

In Krakau, Polen, das alte jüdische Viertel Kazimierz erlebt heute so etwas wie eine Renaissance, zwischen Spuren der Vergangenheit und der Dynamik eines neuen Szeneviertels mit Kneipen, Diskos, Studenten und Künstlern.

Im 14. Jh. war Kazimierz eine von Krakau unabhängige Stadt. Benannt wurde sie nach ihrem Gründer, König Kasimir dem Großen (1333-1370), der den Juden Zuflucht bot und diesen viele Privilegien zuerkannte. Im Zuge der Pogrome des 15. Jh. wurden die Juden aus Krakau vertrieben und viele siedelten sich in Kazimierz an, wo sie fast fünf Jahrhunderte friedlich mit den Christen zusammenlebten.
 
Im 19. Jh. kam es zu einer neuen jüdischen Ansiedlungswelle und Kazimierz wurde zu einem typischen Judenviertel, auch wenn die Christen dort weiterhin präsent waren. Es entstand eine Topographie, die nicht nur konfessionell, sondern auch sozial geprägt war, denn die jüdische, assimilierte Elite lebte weiterhin in den eleganten Teilen der Stadt Krakau, während sich in Kazimierz ärmere, eher orthodoxe Juden und mittelose Polen niederließen.
 
Diese gemischte Bevölkerung stellte dann auch ein Hindernis für die Ghettoisierung und Zerstörung dieses Stadtteils durch die Nazis dar. Die jüdische Gemeinde musste Kazimierz verlassen und wurde in ein neu geschaffenes Ghetto in Podgórze, einem Vorort am gegenüberliegenden Ufer der Weichsel, umgesiedelt.
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg verfiel und veramte Kazimierz zusehends und wurde fast 45 Jahre von der kommunistischen Regierung links liegen gelassen – eine Zeit, die noch heute deutliche Spuren hinterlassen hat. Die Renaissance dieses Stadtteils begann mit dem Erfolg des Films Schindlers Liste, den Steven Spielberg 1993 teilweise in Kazimierz gedreht hatte.
 
Der Ansturm von Besuchern aus der ganzen Welt, die sich die Originaldrehorte ansehen wollten, überzeugte schließlich auch die Stadtverwaltung vom touristischen Interesse des Viertels Kazimierz, förderte dessen Sanierung und zog Investitionen nach sich wie das Zentrum der Jüdischen Gemeinschaft, eingeweiht und mitfinanziert durch Prinz Charles, oder das Galicia Jewish Museum (Museum der jüdischen Kultur in Galizien), das von britischen Förderern unterstützt wird.
 
Podgórze
 
Die erste so genannte „Evakuierung“ aus dem Ghetto Podgórze fand im Juni 1942 statt, die nächste im Oktober des gleichen Jahres. Die Einwohner wurden in die Lager Belzec und Auschwitz-Birkenau deportiert. Am 13. und 14. März 1943 erfolgte die endgültige Liquidierung des Ghettos. Nur ein Zehntel der 64.000 Krakauer Juden hat den Krieg überlebt.
 
Der Weg des Gedenkens führt also unbedingt nach Podgórze, und dort zuerst auf den Platz der Helden des Ghettos (Plac Bohaterów Getta), auf dem die Juden vor der Deportation versammelt wurden. An einer Straßenecke am Platz, wo sich die Apotheke „Unter dem Adler“ befand, wurde ein kleines Museum eingerichtet. Der Apotheker Tadeusz Pankiewicz war der einzige nichtjüdische Bewohner des Krakauer Ghettos und wurde 1983 mit der Medaille „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet.
 
Teile der Mauer des Ghettos sind in der Lwowska-Straße, Hausnummer 25-29 erhalten. Bei ihrem Anblick erinnert man sich auch daran, dass die Eltern von Roman Polanski ihrem 6-jährrigen Sohn über diese Mauer zur Flucht verhalfen und so vor der Deportation retteten.
 
Gegenwart der Vergangenheit
 
Die große, mit der Renaissance dieses Stadtteils verbundene Herausforderung ist es, die wirtschaftlichen Interessen der Stadt mit dem Respekt zu vereinbaren, den wir den Opfern des Holocaust schuldig sind. Momentan scheint dies noch zu funktionieren. Als wir Kazimierz an einem sonnigen Junitag besuchten, herrschte dort eine melancholische Ruhe, die mit der festlich-lebensfrohen Stimmung des Krakauer Stadtzentrums kontrastiert.
 
Bei einem Rundgang durch die grob gepflasterten Straßen erschließt man sich nacheinander den christlichen und den jüdischen Teil von Kazimierz, miteinander verbunden durch die Jozefa-Straße.
 
Richtung Südwesten und Weichsel ragt die hohe Silhouette der gotischen Fronleichnamskirche (Kościỏł Bożego Ciała) empor und markiert den Beginn der katholischen Stadt. Sie wurde 1340 von Kasimir dem Großen errichtet und ist die älteste Kirche dieses Stadtteils. Ihre prächtige Innenausschmückung aus vergoldetem Holz bildet einen überraschenden Kontrast zu äußeren Schlichtheit dieses Gebäudes aus Stein und Backstein. Die bootsförmige Kanzel ist besonders bemerkenswert.
 
Die Katharinenkirche (Kościỏł Św. Katarzyny), ebenfalls unter Kasimir dem Großen im Jahr 1363 errichtet, ist die schönste gotische Kirche der Stadt.
 
Die barocke Paulinerkirche (Kościỏł Paulinỏw) ist jüngeren Datums, dafür jedoch Trägerin einer wichtigen nationalen Symbolik. Zum einen, weil sie an der Stelle errichtet wurde, wo Erzbischof Stanislaus, der Schutzpatron Polens, seinen Märtyrertod starb, zum anderen weil sie eine Art Pantheon ist, in dem wichtige Persönlichkeiten des intellektuellen und künstlerischen Lebens des Landes ruhen, darunter der Maler Wyspianski, der Komponist Szymanowski und der Dichter Czesław Miłosz, der hier 2004 feierlich zu Grabe getragen wurde. Kein Wunder also, dass diese Kirche im Herzen der Krakauer einen besonderen Platz einnimmt.
 
Die Hohe Synagoge (Synagoga Wysoka, 16. Jh.), zu der man gelangt, wenn man die Jỏzefa-Straße in entgegengesetzter Richtung hinaufgeht, wirkt mit ihren vier schweren Stützmauern besonders streng und antik. Dieser Straßenabschnitt wurde noch nicht saniert und besitzt eine sehr eigentümliche Atmosphäre. Altes Kopfsteinpflaster, Fassaden, von denen der Putz abblättert, ein Gebetshaus etwas weiter oben an der Hausnummer°42: Man fühlt sich wie in ein altes Schwarzweißfoto zurückversetzt.
 
In der nahe gelegenen Kupa-Straße befindet sich die Isaak Synagoge (Synagoga Izaaka), die im 17. Jh. errichtet wurde und ein barockes Stuckdekor aufweist. Hier kann man ergreifende Archivfilme über das Kazimierz der Vorkriegszeit und das Ghetto in Podgórze ansehen.
 
Doch die wahre Seele des jüdischen Kazimierz ruht in der Szeroka-Straße, die eher einem lang gestreckten Platz als einer Straße gleicht (worauf auch der Name hindeutet: „breite Straße“). Vom 15. bis zum 19. Jh. war sie das Zentrum des religiösen Lebens und des Handels dieses Stadtteils; heute ist sie der wichtigste Anlaufpunkt für Touristen. Es fällt schwer, sich beim Anblick der von Restaurants und Cafés gesäumten Straße vorzustellen, wie das Leben hier vor dem Zweiten Weltkrieg oder sogar noch vor 15 Jahren aussah.
 
Noch sieht man hier und da zwischen den frisch restaurierten Fassaden die Ruinen alter Wohnhäuser, und auch die Einwohner wissen viel zu berichten über den rapiden Wandel, der sich hier in den letzten Jahren vollzogen hat – aber wer weiß, wie lange noch. Man sollte einen Besuch also nicht zu lange herauszögern, denn schon bald könnte das historische Pflaster völlig in den Händen des Kommerzes sein.
 
Ruhiger als in der Krakauer Altstadt geht es hier allerdings in jedem Fall zu und man findet schöne Terrassen, auf denen man in sicherer Entfernung zum Touristenrummel des Rynek Głỏwny (Hauptplatz von Krakau) zu Abend essen kann.
 
In der Szerika-Straße befinden sich auch die Alte Synagoge und die Remuh Synagoge, zwei wichtige historische Zeugen, die zugleich eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit schlagen. Die Alte Synagoge (heute historisches Museum der Krakauer Juden) ist das älteste jüdische Bauwerk Polens (15. Jh.). Die Remuh Synagoge, errichtet im 16. Jh., fand 1945 zu ihrer sakralen Funktion zurück und ist noch heute ein wichtiges Zentrum des religiösen Lebens.
 
Mit der Besichtigung des angrenzenden Friedhofs taucht man noch ein Stück tiefer in die Vergangenheit ein. Der älteste jüdische Friedhof Krakaus (16. Jh.), vermutlich einer der ältesten in ganz Europa, wurde während der Naziherrschaft fast völlig zerstört. Umfassende Ausgrabungen brachten 700 Grabsteine zu Tage, die sorgfältig restauriert wurden.
 
Der Friedhof an der Remuh Synagoge ist außerdem eine Pilgerstätte für orthodoxe Juden aus der ganzen Welt, denn hier befindet sich das Grab des Rabbiners Moses Isserles, genannt Remuh, ein berühmter Philosoph und Thora-Deuter, für den die Synagoge gebaut wurde. Überraschend ist, dass die Nazis sein Grab verschont haben, was von den meisten Gläubigen als Wunder interpretiert wird. Der Legende zufolge hatten die Nazis durchaus die Absicht, auch dieses Grab zu zerstören, aber der erste Arbeiter, der Hand an den Grabstein anlegte, fiel wie vom Blitz erschlagen um.
 
Eine Reihe weiterer Gebäude jüngeren Datums zeugen von der Kontinuität und der Entwicklung der jüdischen Kultur in Polen bis zu der Zeit, als der Krieg dieser ein jähes Ende setze.
 
Die Tempel Synagoge wurde 1862 im neuromanischen Stil erbaut, der die künstlerischen Strömungen dieser Zeit widerspiegelt. Sie wird auch die „fortschrittliche Synagoge“ genannt, da sie seinerzeit von zahlreichen Intellektuellen und bürgerlichen Juden besucht wurde, die sich für Gleichheit vor dem Gesetz und laizistische Erziehung einsetzten und die jiddische Sprache und das Tragen traditioneller Gewänder ablehnten.
 
Der Besuch des etwas abseits gelegenen Neuen Jüdischen Friedhofs (1800) stellt sich als besonders eindrucksvoller Moment dieses Streifzugs durch das jüdische Kazimierz heraus. Still, verlassen und von Vegetation überwuchert ist er sicher die eindringlichste Metapher für diese verschwundene Welt, die versucht, wieder aufzuerstehen.
 
Trendiges Kazimierz
 
Mitten im Herzen des jüdischen Kazimierz symbolisiert der Neue Platz (Plac Nowy) die Kontraste dieses im Wandel begriffenen Stadtteils, in dem sich immer mehr Bars und Kneipen, Kunstgalerien, Kosher-Restaurants, Antiquitätenhändler und Trödelläden ansiedeln, auch dank der günstigen Immobilienpreise. Letztere sind auch der Grund dafür, dass man hier viel stark verfallene Bausubstanz, sowie eine recht arme, wenn nicht sogar randständige Bevölkerung vorfindet.
 
Bis spät in die Nacht herrscht auf dem Platz und in den umliegenden Kneipen und Cafés, in denen junge Nachtschwärmer und ein paar Parvenüs Party machen, eine fieberhafte Geschäftigkeit. Hier und da bemerkt man einen feschen Sportwagen, dem stark geschminkte Schönheiten entsteigen. Ganz anders sieht es hier am Sonntagmorgen aus, wenn sich der Platz in einen bunten Flohmarkt verwandelt, der mit seinem regen Treiben der Nacht in nichts nachsteht.
 
 
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In Krakau, Polen, das alte jüdische Viertel Kazimierz erlebt heute so etwas wie eine Renaissance, zwischen Spuren der Vergangenheit und der Dynamik eines neuen Szeneviertels mit Kneipen, Diskos, Studenten und Künstlern.

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