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Kassel: 13. documenta (9. Juni bis 16. September)
Georges Rouzeau - 30-06-2012
Eine der größten internationalen Ausstellungen für zeitgenössische Kunst eröffnete letzten Monat in Kassel ihre Tore. Unter dem Leitmotiv Collapse and Recovery (Zusammenbruch und Wiederaufbau), empfängt die dOKUMENTA (13) in diesem Jahr 150 Künstler und auch die Besucher sind zur Teilnahme aufgefordert.
Kassel, Schicksal einer deutschen Stadt
In der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1943 ging ein britischer Bombenhagel über der Stadt Kassel nieder, bei dem 10.000 Menschen ums Leben kamen und die Stadt zu 80 % zerstört wurde. Der Wiederaufbau erfolgte in den 50er Jahren in jenem faden Baustil, der für diese Zeit so typisch war. Ihm verdankt Kassel auch den Ruf, eine „hässliche“ Stadt zu sein.
Der documenta-Effekt
Alle fünf Jahre jedoch verwandelt sich das hässliche Entlein in einen schönen, stolzen und von der ganzen Welt umworbenen Schwan. A Kind of Magic, wie Freddie Mercury einst sang? Nein: der documenta-Effekt. Die riesige Ausstellung zeitgenössischer Kunst ist vom Konzept her tatsächlich in der Welt einzigartig. Die erste documenta (dies ist kein Druckfehler, documenta wird tatsächlich systematisch klein geschrieben), organisiert im Jahr 1955, sollte die Deutschen noch mit all den Kunstformen aussöhnen, die die Nazis als „entartetet“ abgestempelt hatten. Heute sieht sich die documenta als Versuch einer Kartografie der internationalen Kunstszene, auf der sich die wegweisenden Künstler von morgen abzeichnen.
Leiterin der diesjährigen Ausgabe der documenta ist die Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev, die ehemalige Chefkuratorin des Turiner Castello di Rivoli. Um sich ein wenig von Venedig und Basel abzugrenzen verzichtet die documenta-Chefin auf die ganz großen Namen der aktuellen Kunstszene. Und das kann sie sich leisten, denn im Gegensatz zu anderen großen Kunstmessen verfolgt die documenta keinerlei kommerzielle Zwecke.
dOCUMENTA (13): ein exzellenter Jahrgang
In ihrer Absichtserklärung schreibt Carolyn Christov-Bakargiev, sie wolle eine „politischere“ und zugleich auch eine „sinnlichere und dynamischere“ 13. documenta, ganz im Zeichen der Dialektik zwischen Zusammenbruch und Wiederaufbau, die ja auch die jüngere Geschichte der Stadt Kassel geprägt hat. Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg, den Vietnamkrieg, den japanischen Tsunami, den Arabischen Frühling und die Massaker in Syrien sind keine Seltenheit, lassen jedoch die Ausstellung deshalb nicht gleich zu einem Trauerspiel werden. Themen wie Ökologie (sogar Kompostieren!), kulturelle Vielfalt, Anderssein und Biodiversität haben ebenfalls ihren Platz. Lisa Austin, Art advisor in Miami, hält die diesjährige Ausgabe für „sehr viel besser als die vorangegangene, weniger abstrakt und konzeptuell, dafür visueller und abwechslungsreicher.
Werke von Künstlern - Werke von Besuchern
So ist die dOCUMENTA (13) denn auch vor allem ein riesiges künstlerisches Pandämonium, in dessen Mittelpunkt die Brüche und Kontraste der heutigen Welt stehen – ein fruchtbares Chaos, das dem Besucher übrigens auch ein wenig guten Willen und ziemlich viel körperlichen Einsatz abverlangt.
750.000 Besucher
An die 750.000 Besucher, moderne Pilger auf der Suche nach Sinn, werden in den 100 Ausstellungstagen erwartet. Tausende Kasseler Schüler und Studenten, darunter auch meine Führerin Kaja, die ihr Abitur frisch in der Tasche hat, wurden angeheuert, um die Besucher zu empfangen und ihnen mit Erklärungen weiterzuhelfen.
Wenn Kassel und documenta eins werden …
Die gesamte Stadt macht für die documenta mobil. Kassel ist wie verwandelt und das Stadtbild wirkt plötzlich sehr viel weniger banal. Eine Bank, ein ausgedienter Ballsaal, das Erdgeschoss eines nichtssagenden Bürohauses, eine Studentenbücherei, Kinos, der Bahnhof und natürlich alle Museen (darunter auch das Museum der Brüder Grimm, die hier als Lokalhelden verehrt werden) sowie ein riesiger Park – die Karlsaue – dienen als Schauplätze des großen Kulturereignisses.
Gutes Schuhwerk ist also kein überflüssiger Luxus, auch wenn es einen Bus gibt (Linie D13, beim Einsteigen braucht man nur das Eintrittsticket zur documenta vorzuzeigen), mit dem man so oft man möchte quer durch die Stadt und zur Karlsaue fahren und die Fahrt nach Belieben unterbrechen kann.
Zwei Tage, wenn nicht sogar drei, sollte man mindestens einplanen, um sich ein Bild von der 13. Ausgabe der documenta zu machen. Vorsicht jedoch vor dem Stendhal-Syndrom!
Das Fridericianum, Herzstück der documenta
Das Fridericianum verkörpert gewissermaßen das Herz – oder sollte man sagen das Gehirn? – der documenta: Es beherbergt eine Gruppe von Künstlern, die das Projekt von Carolyn Christov-Bakargiev trägt. In dem schönen klassizistischen Bau, einem der wenigen, die den Krieg überstanden haben, herrscht eine Atmosphäre wie im Bienenhaus. Im Erdgeschoss könnte ein Werk des Engländers Ryan Gander bei Verächtern zeitgenössischer Kunst (falls sich solche nach Kassel begeben, was nicht sehr wahrscheinlich ist) ein hämisches Grinsen auslösen. „I Need Some Meaning I Can Memorise (The Invisible Pull)“ ist im wahrsten Sinne des Wortes viel Wind, mehr nicht: Der Künstler hat die Ventilatoren voll aufgedreht, als wolle er zunächst einmal das Gehirn der Besucher ordentlich durchpusten, um Platz zu machen für das, was diese auf der dOCUMENTA (13) sonst noch erwartet. Dann führt der Parcours vorbei an 4.500 Jahre alten Statuetten (Baktrische Prinzessinnen) zu einer speziell zu diesem Anlass geschaffenen Installation von Kader Attia. Man entdeckt die Werke von Charlotte Salomon (1917-1943), einer niederländischen Künstlerin, die von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde, oder die Wandteppiche einer schwedischen Antifaschistin der ersten Stunde, Hannah Ryggen (1894-1970). Wandelt man weiter, steht man plötzlich vor Bildern mit Ureinwohnermotiven und dann vor den zeitlosen Stillleben von Giorgio Morandi. Ein abwechslungsreicher Parcours, ganz nach dem Bild der 13. documenta.
Drei besondere Highlights
Ein Buch würde nicht ausreichen, um alle Werke der 150 Künstler zu beschreiben, die hier bis zum 16. September zu sehen sind. Mit dem Pass in der Hand (der seinen Preis Wert ist) kann man nach Herzenslust durch die Stadt spazieren, von einem Bauwerk oder Ausstellungsbereich zum nächsten, und dabei natürlich auch die ein oder andere Bratwurst- oder Kaffeepause einlegen.
Die Karlsaue
Die Karlsaue, neben dem Park von Schloss Wilhelmshöhe die zweite große Parkanlage der Stadt, ist ein weiteres Epizentrum der documenta, das Kunst und Chlorophyll aufs Angenehmste vereint. Es ist ein großes Vergnügen, unter den alten Bäumen zu wandeln und die Kunstwerke zu betrachten, die über den ganzen Park verstreut sind. Man kann natürlich auch dort picknicken, es sei denn, man zieht das Café neben den Gewächshäusern der Karlsaue vor. Über 50 Künstler haben, ein jeder auf seine Weise, von der Landschaft Besitz ergriffen, der eine mit einem Boot im Zeichen der der Artenvielfalt, ein anderer mit einer Betonröhre, die Geräusche und Wind einfängt, oder mit einem typischen Zelt der Westsahara, in dem engagierte Sahrauis zum Tee einladen. Auf keinen Fall versäumen sollte man das Werk des italienischen Künstlers Giuseppe Penone, den man der Arte Povera zuordnet: ein Baum, in dessen Krone ein mächtiger Findling thront, mit einer poetischen Gewalt, die für die maniera des Künstlers typisch ist.
Tino Seghal
Der deutsch-britische Künstler Tino Seghal (Jahrgang 1976), ein ehemaliger Schüler der Choreographen Jérôme Bel und Xavier Le Roy, hat sich ein verlassenes Hotel in der Friedrichstrasse, das so genannte Hugenottenhaus, zur Spielwiese auserkoren. In den verwahrlosten Zimmern sind nicht nur Videoinstallationen zu sehen, sondern auch Mitglieder seiner Tanzkompanie, in einer verunsichernden Mischung aus Öffentlichkeit und Privatsphäre. Die Verunsicherung steigt noch, wenn man, auf der Seite des Gartens (ebenfalls verwildert), einen in tiefe Dunkelheit getauchten ehemaligen Ballsaal betritt. In der Mitte des Raumes erwartet den Besucher ein einzigartiges Sinn- und Klanglerlebnis. Die Kompanie von Tino Seghal singt, tanzt, murmelt, klatscht in die Hände – sie mögen an die 20 sein. Man erahnt die Körper, die einen im Vorübergehen fast unmerklich streifen, man spürt den Atem der Sänger an der Schulter, eine Tänzerin entführt einen für ein paar Schritte …Verwirrend!
Neue Galerie: Stuart Ringholt
Der australische Künstler Stuart Ringholt (Jahrgang 1971) wählte die neonbeleuchtete Neue Galerie als Kulisse für seinen Anger Workshop – eine kollektive Performance rund um die Wut. Zweimal täglich, mittags und abends, werden etwa ein Dutzend Teilnehmer in einen geschlossenen Raum des Museums gebeten, um dort, begleitet von knallhartem Technosound, ihrer Wut auf alles Mögliche freien Lauf zu lassen und alles Angestaute aus sich heraus zu brüllen. Anschließend muss sich jeder zu Mozart-Klängen wieder mit sich selbst und der Welt aussöhnen. Wir haben hier ein wunderbares Beispiel für eine Performance, die den Besucher aus seiner Rolle des passiven Betrachters herausreißt, unter Anleitung eines höchst einfühlsamen Künstlers. Lassen Sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen!
Praktische Hinweise
Übernachten
Golden Tulip Hotel Reiss
Werner-Hilpert-Straße 24 34117 Kassel,
Tel.: +49 (0) 561 521400
800 m vom Fridericianum entfernt bietet dieses Hotel im tristen Hochhauslook ein schönes, pünktlich zur 13. documenta komplett renoviertes Interieur. Angenehme Materialien, moderne Farben, junges Personal: ein echter Geheimtipp!
documenta
d13.documenta.de/
Preise
Eintritt: 20 € (1 Tag) / 35 € (2 Tage) / 100 € (Saison). Familientarif: 50 € (2 Erwachsene und bis zu 3 Kinder im Alter von 10 bis 16). Eintritt frei für Kinder unter 10 Jahre.

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